Klartext Ausgabe 38 / September 2019

Die blinden Weisen

Was die Wirtschaftsweisen sagen, ist wahr. So wie alle Prognosen. Oder? Wir betrachten im neuen KLARTEXT die Methoden, Tricks und Fehler der Experten, die uns ein Bild von der Zukunft vermitteln sollen oder wollen. Wir sprechen aber auch über die Qualität von Tarifabschlüssen, den Stellenwert des Datenschutzes in den Unternehmen, das Phänomen der Revanche-Kündigungen und die (positiven) Auswirkungen von Mitbestimmung auf Frauen und Familien. Hier geht es direkt zum kostenlosen Download.

Titel Klartext September 2019

Sie heißen die „Wirtschaftsweisen“. Der Name suggeriert, dass die (überwiegend) Herren des „Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ den gemeinen Menschen etwas voraus hätten: Wissen, Intelligenz, gar hellseherische Fähigkeiten.
Die insgesamt 39 Männer und gerade mal 2 Frauen, die diesem Rat seit seiner Gründung im Jahr 1963 angehören, sollen regelmäßig die „gesamtwirtschaftliche Lage und ihre absehbare Entwicklung im Sinne einer Prognose darstellen“, so sagt das Gesetz. Dabei sollen sie neutral sein und vor allem eines nicht: ungebetene Ratschläge erteilen.

Die Praxis allerdings sieht anders aus. Immer wieder lagen die Prognosen deutlich daneben. Was die überwiegend arbeitgebernahen Ratsmitglieder in der Vergangenheit nicht davon abhielt, munter Ratschläge in Richtung Politik, aber auch gerne mal Richtung Gewerkschaften zu formulieren.

Faktisch sind die Prognosen der „Weisen“ also eher Politik als unabhängige Expertise. Selbst der ehemalige „Wirtschaftsweise“ Hans-Jürgen Krupp sagte gegenüber dem Handelsblatt, unabhängige, neutrale Wirtschaftswissenschaft sei eine Fiktion.

Ähnlich sieht es mit anderen „Gutachten“, „Studien“ und „Umfragen“ aus, die prognostischen Charakter haben oder zumindest behaupten. So ist die einflussreichste Wirkungsgröße im bunten Strauß der arbeitgeber- bzw. wirtschaftsnahen Prognostik der „ifo-Geschäftsklimaindex“. Er gilt als renommierter „Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland“. Die Politik gerät in Panik, wenn der Index sinkt, bejubelt sich selbst, wenn er steigt. Ganze Gesetzesinitiativen wurden und werden von den Zahlen des ifo-Geschäftsklimaindex getrieben. Der langjährige Chef des herausgebenden ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn, war Stammgast in allen Talkshows und Gesprächspartner in unzähligen Interviews. Er hatte bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2016 den Status eines Halbgottes in Sachen Wirtschaftsprognostik. Drei Dutzend internationale Preise und gleich vier Ehrendoktorwürden unterstreichen dies.

Doch worauf beruht dieser ifo-Geschäftsklimaindex? Auf intensiven Recherchen, komplexen Algorithmen, umfangreichen Rechenmodellen? Weit gefehlt. Die Wirklichkeit ist viel profaner: Jeden Monat bekommen ein paar hundert Manager einen knappen Fragebogen zugeschickt. Sie beantworten darin unter anderem die Frage, welche Geschäftserwartungen sie für das kommende halbe Jahr haben (mit genau drei Auswahlmöglichkeiten: günstiger, gleichbleibend oder ungünstiger). Das Ergebnis wird zusammengezählt – und der neue Geschäftsklimaindex ist fertig und beeinflußt die ganze Republik.

Prognosen halten also selten, was sie versprechen, sind meist nichts als heiße Luft und noch dazu allzu oft interessengetrieben. So präsentieren viele große Unternehmen jedes Frühjahr ganz ausgezeichnete Erwartungen, wenn es darum geht, die Investoren bei Laune zu halten. Droht nur 6 Monate später eine neue Tarifrunde, nagt die Branche plötzlich am Hungertuch und erwartet dramatische Gewinneinbrüche.

Wir sehen also: Prognosen taugen nichts. Seriöse Wissenschaftler formulieren deshalb auch keine Prognosen, sondern Szenarien. Der Unterscheid: Szenarien stellen mögliche Entwicklungen dar, wenn bestimmte Ereignisse eintreten. Prognosen suggerieren zu erwartende Wirklichkeiten.

Deshalb ist jeder gut beraten, Prognosen aller Art mit großer Vorsicht zu genießen. Wenn Meteorologen das lokale Wetter kaum mehr als drei Tage fehlerfrei voraussagen können, dann sollten wir globalen Klimawandelprognosen kritisch gegenüberstehen. Und wenn uns Arbeitgeber oder ihre Institute erzählen wollen, die gewerkschaftlichen Tarifforderungen würden uns alle geradewegs in die Hölle katapultieren, dann sollten wir auch in Zukunft freundlich nicken. Nur glauben sollten wir ihnen nicht.

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