Klartext Ausgabe 33 / Oktober 2018

Angst oder Innovation?

Die deutschen Zulieferbetriebe sind Innovationsweltmeister – und dennoch unter großem Druck. Die Bundesregierung schummelt bei den Hartz IV Sätzen, auf Kosten der Betroffenen. Die Tarifpartner in der Chemiebranche wollen eine "Roadmap Arbeit 4.0" zur Bewältigung des digitalen Wandels erarbeiten. Diese und weitere Themen behandelt der neue KLARTEXT. Hier geht es direkt zum kostenlosen Download.

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„Ausbooten, austricksen, ausnehmen – noch nie waren die Methoden der Autokonzerne gegenüber kleinen und mittelgroßen Subunternehmern so brutal.“

„Mehrraumverhandlungen“ heißt die Methode unter Branchenkennern. Sie ist nur eine, gleichwohl typische Form der Erpressung, der sich Zulieferbetriebe zunehmend ausgesetzt sehen:

Vertreter mehrerer Zulieferbetriebe werden dazu in ein Hotel bestellt und auf ihren Zimmern eingeschlossen. Die Einkaufschefs großer Konzerne pendeln zwischen den einzelnen Anbietern hin und her, halten ihnen jeweils die günstigeren Angebote der Mitbewerber unter die Nase. Das geht so lange, bis nur noch einer übrig bleibt, und der macht am Ende vielleicht gar keinen Gewinn mehr, nur um im Geschäft zu bleiben.

Die Folgen für die Beschäftigten liegen auf der Hand: Wenig Gewinn heißt hoher Druck auf Entgelte, Arbeitsbedingungen, Forderungen nach Öffnungsklauseln oder gleich der Komplettausstieg aus dem Tarif.

Üblich sind diese Methoden in der Automobilindustrie, aber auch in anderen Branchen. Sogar innerhalb von Konzernstrukturen wird der Ton zunehmend rauer, das große Unterbieten zum Standard.

Die „Ideenvielfalt“ der Hersteller, ihre Ausstatter auszuquetschen, sei groß, berichten Branchenkenner, der Fantasie sei keine Grenzen gesetzt, „um den psychischen Druck auf die Zulieferer unablässig zu erhöhen“.

Fast alle Zulieferer beklagen eine Verrohung der Sitten, manche sogar „erpresserische Zustände“ in der Branche. „Wer sich den Vorgaben der Hersteller nicht beugt, verschwindet sofort von der Anbieterliste“, sagen renommierte Unternehmensberater.

Im Interesse der Beschäftigten, aber letztlich auch der Anteilseigner von Zulieferbetrieben muss es sein, diese Spirale zu unterbrechen. Statt den Druck der Abnehmer schlicht weiter an die eigene Belegschaft zu geben, wäre es längst klüger, wenn sich die Verantwortlichen der Zulieferbetriebe mit den Gewerkschaften an einen Tisch setzen und Gegenstrategien entwickeln würden.

Erste Schritte gibt es bereits. So organisierte zum Beispiel die Hans-Böckler-Stiftung die Konferenz „Wertschöpfung im Wandel – die Rolle der Zulieferer in der Automobilindustrie“, die ein Forum für den Austausch zwischen Hersteller- und Zulieferer-Betriebsräten bot. Die IG BCE sucht dazu das Gespräch mit dem Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) und den Kautschuk-Arbeitgebern. Noch stehen die Bemühungen am Anfang. Aber es entsteht Bewegung, und möglicherweise entwickeln sich hier ganz neue Allianzen auch vor dem Hintergrund des Digitalisierungsdrucks und der perspektivisch gefährdeten Geschäftsmodelle zum Beispiel in der Automobilindustrie.

Denn nach wie vor haben die deutschen Zulieferer trotz allen ökonomischen Drucks ein starkes Argument: Anders als beispielsweise die Automobilkonzerne, die noch immer an überholten Mobilitätsmodellen kleben, gelten die deutschen Zulieferer als die „innovationsstärksten der Welt“, wie u.a. das Handelsblatt schreibt.

In einer zukünftigen, digitaleren, nachhaltigeren Welt sind diese Innovationen Treiber von Rendite und nicht die schiere Umsatzstärke großer, behäbiger Konzerne.

Innovationsstärke hängt aber letztlich von motivierten, qualifizierten, engagierten Mitarbeitern ab. Denn Ideen werden auch in Zukunft nicht von Computern, Beratern oder Börsen generiert, sondern von Menschen.

Die Zulieferbranche wäre also gut beraten, sich gemeinsam mit den Arbeitnehmern und ihren Vertretern fit für diese Zukunft zu machen, und sich auf ihre Stärken zu konzentrieren. Und die heißt Innovation statt Preisdumping.

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