Klartext Ausgabe 36 / Mai 2019

Mitbestimmung ist mehr!

Die Ergebnisse einer IG BCE Studie belegen, dass die Beschäftigten mehr Mitwirkungsmöglichkeiten im Unternehmen erwarten. Das bewirkt auch neue Herausforderungen für Betriebsräte und Vertrauensleute. Herausfordernd ist auch der Umgang mit Stress und psychischen Belastungen am Arbeitsplatz, Informationen und Positionen hierzu und zu weiteren Themen im neuen KLARTEXT. Hier geht es direkt zum kostenlosen Download.

Titel Klartext Mai 2019

Unsere Demokratie verändert sich. Die Menschen begnügen sich nicht mehr mit einer Wahlteilnahme in großen Abständen. Sie wollen bei der Gestaltung ihres unmittelbaren Lebensumfeldes mitbestimmen.

Die Politik hat dies längst erkannt. Seit Jahren gibt es immer mehr und immer neue Angebote der Bürgerbeteiligung (Partizipation) auf allen Ebenen. Die Mitwirkungsmöglichkeiten haben sich deutlich erweitert, und diese Entwicklung gewinnt weiter an Dynamik.

Insbesondere junge und überdurchschnittlich gebildete Menschen verlangen nach partizipativen Strukturen. Dies bleibt auch nicht ohne Wirkung auf die Arbeitswelt.

Wie die Erwartungen der Beschäftigten hier aussehen und ob die Arbeitgeber hierauf bereits reagieren, das wollte die IG BCE wissen und hat deshalb in Hessen und Thüringen eine umfangreiche Studie angestoßen. Befragt wurden vom Berlin Institut für Partizipation über 1.000 Mitglieder der IG BCE in verschiedenen Firmen und Branchen. Die Ergebnisse belegen bereits deutlich erkennbare Entwicklungen.

Beschäftigte wollen Beteiligung

Nahezu 90% der Befragten wünschen sich eine stärkere Einbeziehung in innerbetriebliche Entscheidungsprozesse. Für knapp 60% der Umfrageteilnehmer sind Mitwirkungsmöglichkeiten sogar „sehr wichtig“.

Es ist also eindeutig, dass die Beschäftigten sich deutlich mehr Mitwirkungsmöglichkeiten als in der Vergangenheit wünschen.

Dem stehen noch relativ geringe Angebote gegenüber. Zwar haben rund 90% der Befragten in den vergangenen zwei Jahren an klassischen Formaten wie Betriebsversammlungen teilgenommen, immerhin rund 40% an Mitarbeiterbefragungen. Die Erfahrungen mit modernen Beteiligungsformaten sind allerdings bislang noch überschaubar: Workshops, Arbeitsgruppen oder andere Beteiligungsformate kennen jeweils nur rund 20% der Befragten aus eigener Erfahrung.

Noch wenig praktische Erfahrungen

Rund 40% haben innerhalb der letzten drei Jahre an keinem Beteiligungsangebot teilgenommen, intensiv beteiligt (mehr als 4 Teilnahmen) hat sich lediglich jeder Fünfte.

Es sind also ohne Zweifel erste Entwicklungen zu registrieren. Es bleibt aber noch viel Luft nach oben, insbesondere wenn man die Erwartungen mit den tatsächlichen Angeboten abgleicht.

Interessant ist übrigens, dass die Mehrheit der Befragten (ca. 60%) sich nicht nur vom Arbeitgeber, sondern auch vom Betriebsrat und der Gewerkschaft mehr Mitwirkungsangebote wünscht.

Betriebsrat bleibt primärer Interessenvertreter

Bei allem Interesse an konkreten, persönlichen Beteiligungsmöglichkeiten besteht jedoch keine Gefahr, dass die klassischen Organe der Interessenvertretung geringgeschätzt werden: Für rund 80% der Umfrageteilnehmer bleibt der Betriebsrat auch in Zukunft der primäre Interessenvertreter. Zwei Drittel wünschen sich jedoch jenseits des Betriebsrates neue Mitspracheformen.

Für die IG BCE heißt das: Unsere Gewerkschaft und unsere Betriebsräte genießen nach wie vor hohe Akzeptanz.

Beteiligungsorientierte Betriebsratsarbeit

Es gibt aber auch klare Herausforderungen an eine moderne Interessenvertretung in den Unternehmen. Auch zwischen den Betriebsratswahlen müssen und werden wir in Zukunft Möglichkeiten zu aktiver Mitwirkung anbieten, gerade im Kontext der aktuellen Digitalisierungswelle und der damit verbundenen neuen Arbeits- und Organisationsformen werden wir zur Industrie 4.0 auch eine Betriebsratsarbeit 4.0 entwickeln müssen.

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