Klartext Ausgabe 32 / Juni 2018

Gerechte Digitalisierung

Die Digitalisierung kommt. Was aber heißt das für Männer und Frauen? Sind die Wirkungen hier unterschiedlich? Sorgen sie für mehr Gerechtigkeit? Oder ist mit dem Gegenteil zu rechnen? Der neue KLARTEXT geht diesen – und vielen weiteren Fragen – auf den Grund. Hier geht es direkt zum kostenlosen Download.

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13.12.2017
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Nach Einführung der Dampfmaschinen folgte die Elektrifizierung der Wirtschaft, dann als dritte Stufe die Automatisierung. Aktuell erleben wir die totale digitale Optimierung, nicht nur der Produktion, sondern ganzer Produktketten und großer Teile der Gesellschaft. Zusammengefasst wird dies unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“.

Faktisch bedeutet dies zunehmend, dass nicht mehr Menschen die Entscheidungen treffen, sondern Algorithmen. Unternehmen versprechen sich so schnellere Produktion, mehr Effizienz und höhere Rendite.

Beschäftigte hoffen einerseits auf sinkende körperliche Belastung, müssen andererseits jedoch mit höheren geistigen Herausforderungen, mehr Stress und grundlegender Veränderung ihrer Arbeitsplätze rechnen.

Erste Untersuchungen (Vgl. Seite 7) zeigen, dass all diese Erwartungen und Befürchtungen eintreten. Die Arbeitswelt verändert sich, das ist nicht immer zum Vorteil der Beschäftigten, aber manchmal eben doch.

Die interessante Frage, ob diese positiven Einfluss auf die weiblichen Beschäftigten haben kann, wird zur Zeit auch in unserer IG BCE intensiv diskutiert, unter anderem auf einer gemeinsamen Tagung der Bezirksfrauenausschüsse im Landesbezirk Hessen-Thüringen vor einigen Wochen in Fulda.

Dr. Edelgard Kutzner von der Technischen Universität Dortmund stellte dort ihre Forschungsergebnisse vor. Ihr Fazit: „Digitalisierung ist ein Prozess, der so oder anders gestaltet werden kann.“

Digitalisierung bietet zwar viele Möglichkeiten, zum Beispiel durch potentiell mehr Arbeitsmöglichkeiten von zu Hause aus und/oder zu familienfreundlichen Zeiten, durch weniger körperliche Belastung, durch die Notwendigkeit zur ständigen Qualifizierung der Belegschaft. Doch wie die Folgen konkret in der jeweiligen Belegschaft aussehen hängt zu großen Teilen davon ab, wie Profit- oder menschenorientiert die Umsetzung erfolgt.

Entgrenzung der Arbeit, das Verwischen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit kann gut organisiert Potentiale zur Selbstentfaltung und Teilhabe bieten. Sie kann aber auch Stress auslösen und Druck auf die Familien ausüben.

Nach Untersuchungen des DGB bzw. der Hans Böckler Stiftung werden sich Digitalisierungseffekte ohnehin stärker auf klassische „Männerarbeitsplätze“ auswirken. Der DGB geht davon aus, dass über ein Drittel der Männer sehr stark davon betroffen sind, jedoch nur etwa ein Viertel der weiblichen Beschäftigten.

Experten erwarten, dass sich für jede vierte Frau durch die Digitalisierung mehr Entscheidungsspielräume ergeben, für rund 13% werden diese eher kleiner.

Dort, wo die Digitalisierung bereits umfangreich umgesetzt wurde, berichten rund 22% der Frauen davon, dass sie Familie und Beruf nun besser vereinbaren können. Etwa 12% beklagen einen gegenteiligen Effekt.
Die Tendenzen sind also uneinheitlich, bei durchaus positiven Ausprägungen.

Aus Sicht der Wissenschaft bietet die Digitalisierung also Anlass und Möglichkeiten, die Geschlechterverhältnisse neu zu verhandeln, Rollenzuschreibungen und Arbeitsteilungen zu hinterfragen.

Ob und wie diese Möglichkeiten genutzt werden, hängt letztlich von der Stärke der Betriebsräte und Gewerkschaften ab – und davon, wie sehr diese die Spielräume insgesamt sicherstellen.

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